Jens macht es einem als Pirat nun beileibe nicht leicht, ihm zu folgen (pun intended). Den “Machst du es irgendwo besser?”-Reflex muss man erstmal runterwürgen; ohne irgendwo Rechenschaft ablegen zu müssen scheint es leicht, den Finger in fremde Wunden zu legen.
Es lohnt sich trotzdem öfter mal. Ich habe also zwei Anmerkungen, die erste ist dreiteilig…
Die Piraten sind zum großen Teil ein streitlustiger, mal mehr, mal weniger motivierter Haufen an Experten, die nicht in ihrem Fachgebiet arbeiten. Ich vermute, dass deshalb die Lösungssuche für dezentrale Beteiligungsprozesse etwas besser und die programmatische Arbeit schleppender läuft – bei selbst organisierten Gruppen ist es nicht so leicht, immer einen Polithistoriker, einen Juristen und einen Organisator dabei zu haben, von Fachexperten mal zu schweigen. Nun könnte man Einwerfen, dass wir nun einmal alles ehrenamtlich machen, mit Verweis auf die Occupy-Bewegungen wegwischen – aber die gibt es noch keine 6 Jahre in einer sich ständig entwickelnden und schubweise wachsenden Form. Wir brauchen auch nicht nochmals beweisen, dass wir große Kraft in kurzer Zeit aufbieten können.
Nun sind aber unsere Mitglieder zwar punktuell in größeren Zahlen aktivierbar, aber nicht ständig tätig. Was keinem von ihnen, so sie denn auch nicht destruktiv tätig sind, zum Vorwurf gemacht werden kann. Aber es bedeutet in der Konsequenz, dass der Großteil der ständigen Arbeit von wenigen gemacht wird. Man muss bedenken, wie viel Zeit wir uns auf Parteitagen nehmen, die Mutigen von den Wahnsinnigen zu trennen, um sie dann ehrenamtlich den Vorstand einer Partei mit (damals) 12 000 Mitgliedern antreten zu lassen und damit die Mutigen und Fähigen in die Hände ihres eigenen Zeitmangagements im Kampf gegen den Burnout zu übergeben. Undankbarer Irrsinn! Dabei erwartet Bürger und Journalist schon von jedem, der nur am Infostand steht, dass Wiki auswendig zu kennen und jede Frage zu beantworten, als würde man täglich zwei Stunden lang Interviews geben.
Aber dann leisten Leute wie unsere politische Geschäftsführerin umwerfende Auftritte, beweisen Resistenz und Kühnheit in einem Ausmaß, das jeden Kritiker umgehend als bornierten Querulanten verblassen lassen und jeden Mailinglistentroll mit einem Hauch verstand Ehrfurcht einflößen. Und ich habe jetzt noch nichts zu Alter und Berufserfahrung der Person gesagt.
Um nun die Kurve zu kriegen: Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass Piraten immer weniger die Prinzipien klar sind, die mir noch 2009 im Wahlkampf als die einigenden Nenner der Partei schienen. Das Programm war dünner und trotzdem konnte man Menschen auf der Straße anhand von Prinzipien erklären, wie sich Piraten positionieren, ohne das ausformuliert auf totem Holz stehen zu haben.
So erkläre ich mir auch, dass unser Grundsatzprogramm besser weg geht als die hübschesten Flyer, die wir aufbieten können. Mir wirkt es zudem so, als sei der Parteibasis die an den Piratenprinzipien geführte Argumentations- und Denkweise entglitten. Das geht so weit, dass von Vorständen die Definition von Werten gefordert wird – das muss man sich im Piraten-Kontext mal auf der Zunge zergehen lassen.
Vielleicht ist die Mitgliederbasis zu breit gestreut, vielleicht sind die klaren Prinzipien von 2009 auch 2009 eigentlich schon nicht ausreichend gewesen. In jedem Fall befinden wir uns als Partei in der Not, mit philosophischem, und vielleicht auch historischem, Sachverstand nieder zu schrieben, was uns leitet – in einer Sprache, die der Bürger, der Pirat und der anspruchsvolle Kritiker versteht. Als Markierungen für die Startbahn, von der wir gerade abheben.
Was Sebastian Nerz angeht, so haben wir ihn sicher für seine Fähigkeiten gewählt – aber vielleicht nicht als Erklärer und Kommunizierer zur Öffentlichkeit hin. Es ist offenbar nicht seine Stärke. Sein Stellvertreter, der Schatzmeister, der Generalsekretär und der und die Beisitzer/in arbeiten auf beeindruckende Weise und man sieht von außen davon so wenig, wie man vielleicht vom internen Wirken des Vorsitzenden sieht. Einen Berliner haben die Medien ja auch schon lieb gewonnen, der da seine Qualitäten ausleben kann. Wenn der Bundesvorstand seine Aufgabenverteilung prüfen würde, würde mich das freuen.
Genauso, wie es mich freuen würde, wenn andere Bündnisse und Netzverfechter die Piraten als Freund verstehen und behandeln würden, der manchmal einen guten Ratschlag braucht – wie es ihnen selbst nicht anders geht. Demut schadet in dieser Debatte niemandem. Aber den Piraten ihren Beitrag bei der Veränderung dieser Gesellschaft abzusprechen oder anzudeuten, wir könnten am Ende mehr geschadet als beigetragen haben, weise ich als unverschämt zurück. Wir, die Netz- und Zukunftsverfechter, haben nun verschiedene Institutionen geschaffen, die alle eigene Zwecke erfüllen. Alle motivieren unterschiedliche Menschen zur Beteiligung. Vielleicht täte es gut, die gemeinsame Richtung klarer abzustimmen.