Soziale Netzwerke – Zahlen oder zahlen?

Sollte man für ein konzeptionell gutes soziales Netzwerk zahlen oder ein ideologisch schlechtes ertragen, in dem einfach alle teilhaben können? 1

Das ist, glaube ich, die nächste große Frage. Zahlt man für ein Netzwerk, in dem man Kunde statt Produkt ist?

Und wenn man zahlen will: Wie rechtfertigt man den Ausschluss jener, die nicht zahlen können? Es ist quasi unmöglich. Man betriebe de facto eine Aufteilung in zahlungsfähige und weniger oder nicht zahlungsfähige Netzwerker, selbst, wenn es keine Absicht ist – das geht gegen Grundgedanken des Netzes und drängt sozial schwächere Schichten in die Hände der Werbe-Profiler 2. Klickvieh 3.0.

Für die Inklusion aller muss man sich derzeit an private Betreiber ausliefern. Einzige Lösung: von NGOs betriebene Netzwerke auf OpenSource-Technologie. Eine NGO könnte transparent und mit öffentlichen Audits eine Struktur bieten, an die weder private, noch wirtschaftliche, noch staatliche Interessen so schnell gelangen. Hier ließe sich die Finanzierung gerechter verteilen, es bleibt aber das Problem der Initialfinazierung und der Softwarekomplexität. Das besteht, sofern man nicht auf vorhandene Lösungen zurückgreifen will. Bei diesen schwebt der Nimbus von wenig erfolgreichen oder (zumindest initial) fehlgeschlagenen Projekten wie Status.net und Diaspora über dem Initiativenpotenial öffentlicher Projekte.

Und dann wäre da noch das Problem, eine NGO zu erschaffen, die faktisch ein Facebook betreiben soll – das ist finanziell und organisatorisch keine nebensächliche Angelegenheit 3. Dazu kommt, dass nicht nur die private Anfinanzierung schwierig wäre, sondern auch die Wirtschaft wenig Interesse zur Förderung haben könnte (trotz Steuerersparnissen durch gemeinnützige Spenden und Imagegewinn), weil die Möglichkeiten bei Facebook und Twitter für Unternehmen attraktiver sind. Auch die Featuremasse und Qualität dieser Plattformen stellt eine Herausforderung für ein neues Projekt, gerade eines ohne viel fianzielle Kraft, dar.

Also, quo vadis? Vermutlich bleibt nur, aktuelle Projekte wie Diaspora 4 und status.net voran zu treiben, eigene Instanzen aufzusetzen (bzw. den Nerd des Vertrauens dafür bezahlen) und seine direkten Bekannten in diese Instanzen zu „migrieren“ 5. Das kauft Zeit, auch wenn ich an die Utopie der dezentralen sozialen Netzwerke aktuell noch nicht glauben kann – aber, you know, I want to believe…

 

Nachtrag:

  • Nineberry weist auf die Idee hin, man könne per Gesetzgebung Einfluss auf die großen Netzwerke nehmen. Finde ich logischerweise sympathisch, bin aber nicht optimistisch, dass es in absehbarer Zeit soweit kommt.

Notes:

  1. Anlass: Das Crowdfunding-Projekt app.net, dass ein soziales Netzwerk auf API-Basis bauen will. Damit soll es eine Strukturschwäche von Twitter umgehen.
  2. Die Problematik und Implikationen wurden auf cyborgology lang und breit diskutiert. Die Frage, ob digitale Vernetzung für gesellschaftliche Teilhabe nötig ist, stellt sich kaum – sie findet schon statt und damit gilt es, umzugehen.
  3. Komme mir bitte niemand damit, der CCC solle das mal machen, oder die Piraten, oder Netzpolitik.org – denkt da besser nochmal kurz drüber nach…
  4. Ist euch aufgefallen, wie sehr G+ Diaspora ähnelt…? Sachen gibts…
  5. komplimentieren, überzeugen, drängen, anbetteln…
 

4 Gedanken zu „Soziale Netzwerke – Zahlen oder zahlen?

  1. Ich sehe da mehrere Probleme:

    1) Die grundliegenden Privatsphärenverletzungen sind im Design eines Social Networks verankert. Es ist nötig, dass der Betreiber die jeweiligen Freunde kennt und damit kann der Schnüffler schon viel anfangen. Das gilt auch für Posts, die natürlich irgendwo gespeichert werden müssen.
    2) Das große Problem ist nicht Facebook selbst, sondern dritte Stellen, welche auf die Daten bei Facebook zugreifen wollen. Wenn Geheimdienste, Polizei oder Arbeitgeber klingeln, sieht es auch bei selbstgehosteten Diensten blöd aus.
    3) Es ist schwer mit kostenlos zu konkurrieren – Bestes Beispiel ist hier WordPress, das jeder selbst hosten kann, die meisten entscheiden sich aber für die kostenlose, kommerzielle Variante mit allen Nachteilen
    4) Ein hybrides Geschäftsmodell wäre interessant, etwa eine Zahlfunktion bei Facebook, mit welcher man sich von sämtlichem Tracking freikaufen kann.

    1. Eine Privatsphärenverletzung wäre es, wenn jemand etwas nicht preisgeben möchte – nicht, wenn er etwas von sich aus preisgibt.
      Dass man dem Betreiber zwangsweise vertrauen muss, ist klar. Auch die Interessen der Wirtschaft und des Staates bleiben natürlich erhalten. Die NGO-Lösung mit der selbstverpflichteten Transparenz wäre in meinen Augen tendenziell widerstandsfähiger gegenüber dem Staat und gewährleistet (mangels Firmengeheimnis und Konkurrenzangst) bessere Kontrolle über die Administratoren, die zwangsweise Zugriff auf die Datenbanken haben werden.
      Die NGO-Lösung würde auch die Konkurrenz zu kostenlosen Diensten aus der Wirtschaft besser tragen können, da sie die Kosten auf zahlungsfähige Mitglieder verlagern könnte (das setzt natürlich deren Bereitschaft voraus).
      Der Vorschlag mit der hybriden Idee ist mit nicht unsympathisch, bietet aber nur mehr (zweifelhaften) Schutz vor der auswertenden Wirtschaft – vor sonst nichts.

      1. Das Problem ist, dass viele Privatsphärenverletzungen unbewusst und ungeplant erfolgen. Bestes Beispiel sind die in Handyfotos integrierten Geotags, die schnell nach hinten losgehen und etwa den Wohnort einer Person verraten können. Ähnliches gilt auch für die Darstellung von Freundesnetzwerken – was einem als nette Spielerei erscheint, kann etwa schnell die eigene sexuelle Orientierung verraten (siehe: http://www.zeit.de/digital/2009-09/facebook-gaydar-myspace/komplettansicht). Das gilt auch für andere Dienste. Ich nutze etwa seit Ewigkeiten Last.fm und mir ist letztens aufgefallen, dass diese Daten erstaunlich gut darstellen, wann ich zuhause bin und zu welchen Zeiten ich schlafe – einfach, weil ich immer Musik laufen habe, wenn ich zuhause bin und nicht schlafe. Ich will nur meinen Musikgeschmack preisgeben, offenbare damit aber einen Haufen anderer Dinge.
        Im Kern stimme ich dir aber zu: Solange Userdaten bei Startups als bares Geld und Asset gilt, werden sie alles tun und möglichst viel davon sammeln. Das merkt man besonders bei den ganzen Datenschnorchel-Apps, die gleich mal das gesamte Adressbuch wollen.

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