34C3 – und jährlich grüßt das Murmeltier

Mein Kongress dieses Jahr war dank vieler lieber Menschen und noch mehr fleißigen Engeln und Helfer*innen ganz großartig. Ein paar Gedanken schwirren mir noch im Kopf rum, die ich der Einfachheit halber mal zusammen ablegen möchte.

Leipzig und der Kongress

Von Leipzig habe ich nicht viel gesehen. Die Taxifahrer sind sehr unterschiedlich, aber weitestgehend nett und leider selten ruhig. Die Messehallen sind ziemlich toll, weitläufig, akustisch besser als gedacht und doch laut und voll. Was die Aufbauenden ohne Erfahrungswerte aus den Hallen gemacht haben war beeindruckend und ich bin gespannt, was nächstes Jahr aus der gleichen Fläche wird.

Für eine generelle Beschreibung verweise ich auch den Rest des Internets.

Elektronisch gestützte Fortbewegung

Ich habe ja auf der oft beschworenen letzten Meile in Sachen Elektromobilität so meinen Spaß und das lies sich dieses Jahr auch (endlich!!!) ein wenig auf dem Kongress ausleben. Da mein billo-Chinaboard schon vor Abreise tot war, hatte ich mein großes (China-)Board auf dem Kongress. Es war nicht das ideale Gerät für den Anlass, weil zu lang und zu großer Wendekreis. Außerdem hat die Funkfernbedienung in Halle 2 schlicht vor der Störstrahlung kapituliert.

Natürlich war es bei weitem zu voll um bequem durch die Gegend zu zischen, aber es war trotzdem nett, ein ich-düse-mit-Hoverboard-durch-die-Zukuft-Gefühl zu haben. Ich habe mit ein wenig Hilfe auch ein OneWheel und einen dieser kleinen „Hoverboard“-Scooter ausprobiert und bin durchaus angefixt. Der Trend geht übrigend eindeutig dazu, die kleinen Scooter (billig kaputt von eBay) zu zerlegen und daraus Gefährte zu bauen, die so von den Konstrukteur*innen der Antriebe nicht vorgesehen waren. War toll, ist und bleibt spannend.

Versäumnisse

Ich habe DECT aufgegeben. Meine Kombination aus warten, anstehen und anschließender Hilflosigkeit der Engel bei der Konfiguration meines eigentlich bekannten Geräts haben mich dazu bewegt, einfach über die gewöhnlichen 5+ Wege erreichbar zu sein. Das lief dann gut.

Ich habe nicht fotografiert. Ich bin auch nicht dazu gekommen, den Rucksack voller Technik zu nutzen, den ich angeschleppt habe. Honourable mention: Der Sinclair ZX Spectrum, den mir mein Bruder geschenkt hat.

Erlebnisse

Ich habe viele neue Menschen kennengelernt, von freiwillig bis unfreiwillig und von großartig bis bitte nie wieder. Erstere Kategorie zum Glück stark überwiegend. Ich habe viele Leute wieder gesehen (gleiche Kategorien und Verteilung) und einige komplett verpasst.

Ich fand mich in faszinierenden Situationen und Gesprächen wieder, die mir einen Tag vorher komplett absurd erschienen wären. Ich habe gesehen wie sich Themen an Stellen bewegt haben, die ich für unbeweglich hielt.

Die Sache mit dem Code of Conduct und der Sicherheit auf dem Kongress

Eine Freundin meinte nach einigen meiner Äußerungen auf twitter, sie habe ja generell den Eindruck bekommen, man könne als Frau nur in Begleitung von Sicherheitspersonal auf den Kongress. Da muss man vielleicht mal deutlich die Handbremse ziehen und klarstellen: Das ist zum Glück komplett falsch.

Das Thema ist mehrdimensional und hoch komplex, daher möge man mir verzeihen, dass ich es hier unvollständig wiedergebe. Die Antwort auf die kurze Frage, ob man bei Interesse den Kongress besuchen sollte, ist aus meiner Sicht immer ja. Für alle, die das nicht mehr wollen, habe ich Verständnis.

Richtig ist aus meiner Sicht, dass es auf dem Kongress eine Reihe von komplett üblichen und eine Reihe von etwas spezielleren (aber nicht ungewöhnlichen) Problem gibt, die angegangen werden müssen.

Ein übliches Problem ist, dass es auf großen Veranstaltungen zu Übergriffen zwischen Menschen kommt, von denen Frauen unverhältnismäßig mehr betroffen sind. Auch andere Minderheiten erfahren Übergriffe. Allerdings ist mein Eindruck, dass die Akzeptanz von Minderheiten auf unserem Kongress grundsätzlich wesentlich höher ist als auf den meisten anderen Veranstaltungen. Zudem gibt es Initiativen, die aktiv die Teilnahme von Minderheiten erleichtern und auch für Jugendliche und Kinder Programme anbieten. Über die ständig steigende Quote weiblicher Teilnehmer freuen sich eigentlich alle, soweit ich das mitbekomme.

Übergriffe verurteilen alle (Teilnehmer, Helfer, Orga, alle) als inakzeptabel. Es herrscht aber keine Einigkeit darüber, wie damit umgegangen werden soll. Es gibt dafür keinen eindeutigen Prozess und keine festen Regelungen. Soweit ich feststellen kann, bemühen sich bereits alle Beteiligten, mit Sorgfalt die jeweiligen Fälle zu lösen, aber die Ergebnisse und die aktuelle Situation sind für viele nicht zufriedenstellend.

Ein anderes übliches Problem liegt darin, dass verschiedene Leute die Übergriffe und die Geschichten der Opfer nicht wahr haben wollen, entsprechende Hinweise als von außen kommende Diffamierung einsortieren und in Folge als solche verunglimpfen. Das muss aufhören. Es gibt definitv Angst vor Fremdbeeinflussung, aber es ist einfach festzustellen, dass diese Hinweise nicht nur von außen kommen,. Manche übersehen offenbar die Hinweise und Expertise der Aktivisten vor der eigenen Nase. Auf einem Kongress mit 15000 Teilnehmenden ist das auch durchaus ohne böse Absicht möglich, wenn auch nicht zufriedenstellend.

Ein spezielles Problem (aber keine Entschuldigung) ist die hohe Quote von Teilnehmenden, die in sozialen Situationen unsicher sind oder ungefiltert handeln. Diese Menschen verhalten sich manchmal aus Versehen (und manche wohl auch absichtlich) für andere inakzeptabel und merken das nicht immer. Viele verhalten sich aber völlig in Ordnung. Unter diesen und anderen Menschen gibt es einige, die sich vom Diskurs verunsichert und unter Druck gesetzt fühlen. Daraus ergibt sich oft eine Verteidigungshaltung gegenüber den Proponenten einer Situationsverbesserung bzw. Untergruppen davon (z.B. Beführwortern eines Verhaltenskodex).

Sowohl Oponenten als auch Proponenten sind sehr heterogene Gruppen, die unterschiedliche Zielvorstellungen und Argumente haben. Teilweise sehen sich auch Angehöhrige einer Gruppe als Angehörige der anderen. Außerdem gibt es Befürwortende der extremen Positonen „alles ist gut wie es ist“ und „alles ist schlecht“ – beides innerhalb von Kongress und Gemeinschaft und außerhalb.

Häufig argumentieren alle Seiten verhement, weshalb hier eindeutig nötige Diskussionen nur mit viel aktiver (Selbst-)Beruhigung überhaupt voran kommen oder friedlich verlaufen. Der Prozess zur Verbesserung wird hier also lang und hart. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir zu diesem Thema voran kommen. Nicht nur, weil jede andere Haltung nichts bringt.

What’s next

Für diverse unterjährige Veranstaltungen habe ich schonmal Schlafplätze organisiert und den ZX Spectrum muss ich wohl Zuhause näher kennen lernen. Und natürlich muss ich jetzt Talks schauen.

tl;dr

Es war toll, es wird sicher noch besser.

Meine Altersvorsorge wird weiter unter dem Erwerb elektronischer Fortbewegungsmittel leiden.

Generell empfehle ich allen Interessent*innen den Besuch des Kongresses.

Es gibt Probleme, deren Bearbeitung notwendig, aber nicht einfach ist.

In vielen Beziehungen ist der Kongress und die Teilnehmenden deutlich „exzellenter“ als andere Veranstaltungen, aber eben nicht für jede*n und in jeder Beziehung. Das gehört respektiert, thematisiert und verbessert.

Ich freue mich aufs nächste Jahr!