Coworking – HomeOffice war gestern

Ich bin vor ungefähr einem Jahr auf den Begriff Coworking gestoßen, wobei es sich im Wesentlichen um die zeitgemäße Variante der Bürogemeinschaft handelt. Die wird dabei mit einem Café gekreuzt: Man kann einfach hinein spazieren und Möbel, Internet&WLAN, Strom, Kaffeemaschine  gegen Geld in Anspruch nehmen. Das nennt sich dann Coworking Space – was an den zweifelsfrei verwandten geteilten Hobbyraum unserer Zeit erinnert: den Hackerspace. Da ich ein Soziologie-Seminar zum Anlass genommen habe, mich etwas näher mit dem Thema zu beschäftigen, werde ich es hier aus ein paar Perspektiven angehen.

Der Begriff wurde um 1999 geprägt und findet seid 2005 Verwendung jetzt große Verbreitung. Das liegt wohl am zusammentreffen von wirtschaftlich-gesellschaftlichen Gründen und technischen Entwicklungen. Einige Berufe können ihr Büro heutzutage im Laptop komplett unterbringen. Entsprechend machen laut einer ersten Umfrage Programmierer und Webdesigner 42% der Nutzer aus (Achtung: n=50, bisher nur Berliner befragt).

Bleibt die Frage, warum man nicht Zuhause oder im Starbucks sitzt. Schließlich gibt es genug historische Präzedenz für kreative Arbeit in Cafés. Aus der Studie geht eine Antwort hervor: Selbstständige, die kein Büro bezahlen wollen, vermissen Zuhause Gemeinschaft, Austausch und die daraus folgenden kreativen Anstöße. Zudem fehlt bei Heimarbeit oft eine Arbeitsumgebung und -atmosphäre.

Die Umfrage liefert keine großen Überraschungen: 95% der Befragten sind selbstständig und meist zwischen 30 und 40 Jahren alt. Immerhin 40% sind weiblich. Die Befragten wünschen sich am Platz eine Küche, Räume für Kommunikation und Freizeitangebote. Wenn man nicht gleich Stammkunde wird – was häufig ist – ist man zwischen drei und sechs Monaten wieder weg.

Inzwischen gibt es auf sechs Kontinenten insgesamt über 400 Coworking Spaces, Tendenz steigend. Auch in Deutschland tauchen Spaces außerhalb von Berlin auf. Ein Space braucht dabei meist eine Anlaufzeit, findet sein Publikum aber zumeist – von selbst laufen sie aber nicht und es gibt durchaus Schließungen. Für kritische Stimmen bleibt die Profitabilität von Coworking Spaces noch zu beweisen.

Mit einer Recherche bieten sich bald Hinweise, warum das Gewinnstreben nicht an erster Stelle steht: Die Eröffner eines Spaces sind in aller Regel Coworker, keine Unternehmer in Pacht und Gastronomie. Der Gemeinschaftsgedanke steht weit oben: Es wird mit Hilfestellungen, Ratgebern und Austauschmöglichkeiten nicht hinterm Berg gehalten. Eine Software zur Verwaltung von Coworking Spaces gibt es ebenfalls, die gegen tragbare Gebühren genutzt werden kann. Aber auch an anderen stellen wird man auf Coworking aufmerksam: In den USA geben von Strukturwandel stark betroffene Städte Ratgeber zur Gründung und Verwaltung von Coworking Spaces aus (und ich finde leider keine Referenz…).

Die Gemeinschaft übernimmt bereits Dokumentation und bietet Perspektiven: Neben Laufkundschaft (Reisende, Teilzeitbüroarbeiter) gibt es Potentiale für Stammkunden in Großstädten wie Kleinstädten. Betreffende Berufsgruppen gibt es überall: Journalisten, Fotografen, Programmierer, Webdesigner – die Liste geht weiter und wird mit der Zeit nur länger.

Die Wissenschaft kennt den Begriff offenbar weites gehend noch nicht. Studien gibt es nur als Absichtserklärungen, Verordnungsversuche in wirtschaftliche oder gesellschaftliche Veränderungen sind nicht zu finden. Gerade im Kontext von Strukturwandel, Wirtschaftskrisenleier, Ich-AG, Digitalnomaden und Wissensgesellschaft gäbe es genug zu untersuchen.

In Toronto hat sich eine Vereinigung namens Centre for Social Innovation gegründet, die sich neben dem Betreiben eines Spaces wohl auch der Entwicklung von Konzepten verschrieben hat. Die Vorgestellte Theory of Change hat mich ehr skeptisch gestimmt, zumal sie sich wohl auf „wenn man einen durchgeplanten Ort  zur Verfügung stellt und eine Gemeinschaft gelenkt etabliert, passiert Innovation“ eindampfen lässt – inklusive Pyramiden-Modell. Das ist vermutlich nicht falsch, erklärt aber wenig und dass nur in kleinem Rahmen. Auch klingt es wenig neu. Die Vernetzung des CSI lässt aber auf Kommendes hoffen.

Deutsche Coworking-Spaces finden sich übrigens auf coworking.de und eine Weltkarte findet sich bei Google Maps.