Die Antwort auf das Internet, das Universum und den ganzen Rest

Posted on 25th Mai 2011 in Gesellschaft, Kultur, Politik

Vielleicht ist das vermessen von mir, mich jetzt hier aufzuregen. Ich bin kein Internetnutzer der ersten Stunde. Ich bin gerade noch so in einer Zeit in die Computerwelt und das Netz eingestiegen, in der man nicht ganz umhin kam, sich auch technisches Verständnis aneignen zu müssen. Ich kann Computerteile zu einer funktionieren Maschine zusammenfügen. Ich kann nicht programmieren, meine Kenntnisse beschränken sich da auf ein paar Schulstunden. Ich würde mich als mündigen Nutzer beschreiben.

Ich rege mich natürlich trotzdem auf; über die größere Zahl der Netznutzer, die heute ignorant gegenüber der Technik sind, mit der sich sich bewegen. Und diese Gruppe wächst durch die Massen junger Menschen, die soziale Netzwerke selbstverständlich nutzen ohne dazu grundlegende Kompetenzen zu besitzen. Die iPad- und Chromebook-Zielgruppe.

Etablierte Vertreter konnte man auf der re:publica XI im Kontrast zu Aktivisten, Politikern und Vordenkern gut beobachten. Etwa Blogger ohne Thema und Interesse, denen das Szenetreiben wichtig ist, aber sonst wenig. Leute, die einem in der Ticketschlange sagen, sie wüssten nicht, ob das UMTS-Netz überlastet sei; sie hätten ihr eigenes. Sie hätten auch keine Lust, für die WLAN-Nutzung ihr Passwort zu ändern, sie würden ja schon immer und überall das gleiche nutzen. Und gehen dann bei der Abendveranstaltung auf die Bühne, um zu verkünden, sie wären ja jetzt 13 Jahre im Netz unterwegs. Okay, natürlich halte ich den durchschnittlichen Besucher der rp11 für wesentlich kompetenter.

Von allen Seiten hallt es gerade, diese Netzbefüller mögen doch jetzt bitte mal den Rest der Gesellschaft mitnehmen. Das kann niemand wirklich wollen.
Natürlich könnten auch die Aktivisten, Politiker und Vordenkener gemeint sein – aber die machen das doch schon. Auf vielen Gebieten. Und die Webdesigner, Social Media-Berater und wie sich die neuen Berufe noch nennen? Die sollten sich vielleicht eingestehen, dass die Professionalität den eigenen Reihen weit zu wünschen übrig lässt.

Szenenwechsel: 27c3, der 27. Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs in Berlin. Ganz anderer Eindruck: mattes Schwarz dominiert bei Kleidungs- und Computerfarbe. Wieder viele interessante Menschen – zum Teil einfach die gleichen wie vier Monate später auf der re:publica XI. Aber das Grundrauschen ist anders. Geschäftiger. Es fühlt sich familiärer an und Ego scheint eine kleinere Rolle zu spielen. Keine sponsorbeladenen Namensschilder. Hier gehört es zum guten Ton, eMails auch GPG-verschlüsselt verschicken zu können – die eigene Festplatte ist sowieso verschlüsselt. Manche bringen ihre persönlichen Daten garnicht erst mit auf den Kongress.

Sind das jetzt die Lehrer, die man sich für die Gesellschaft in Sachen Netz wünscht?
Zwar ist hier jeder gern bereit, sein Projekt vorzustellen, Fachgespräche zu führen und GPG erklärt man sicher auch gern noch (mit einem müden Lächeln und etwas Kopfschütteln). Aber das Nutzen von HTTPS-Verschlüsselung? Man wünscht sich doch, dass Grundlagen bitte erstmal angelesen werden (Fachtermini: “RTFM”) und man dann maximal mit einer interessanten Frage zu einem Thema wieder kommt. Dabei will ich wirklich nicht dem CCC vorwerfen, nicht offen für Interessierte zu sein – im Gegenteil, ich habe den 27c3 als sehr freundliche Veranstaltung erlebt. Aber als Ausbildungsbehörde für die Bevölkerung sieht weder der CCC sich noch ich ihn.

Die Piratenpartei soll natürlich als Anspruchsgruppe hier nicht vergessen werden. Die Beschäftigung mit sich selbst, die ihr immer wieder vorgeworfen wird, halte ich für einen völlig notwendigen Prozess. Die Ziele der Partei und die Ansprüche, die gerade kritisch-sympathisierende Mitglieder gerne erheben, halte ich für völlig überzogen. Die Piraten wählen sich mehr Themen, als sie mit ihren aktiven Mitgliedern bearbeiten können und bekommen von außen noch mehr Themen zugeschrieben. Dabei muss sie ihre Existenz nicht mehr rechtfertigen, ihre direkten und indirekten Effekte haben das längst ausgeräumt – aber ihnen diese Aufgabe zuzuschreiben, wäre wahrlich zuviel verlangt und entspricht nicht der Körperschaft einer Partei.

Es bleibt die Option, dem Staat die Sicherstellung der Mündigkeit seiner Bürger aufzuerlegen. Das fände ich richtig. Wenn man aber einen Blick in die Lehrerbildung und die Politik wirft, verwirft man den Gedanken lieber schnell. Die SZ fasst die Situation zum EG8-Gripfel schön zusammen.

 

Was bleibt also über? Man hilft sich selbst, in dem man anderen Selbsthilfe ermöglicht.
Ich würde mir ein SelfHTML für das Internet wünschen. Ein lebendiges Lehrbuch für das Leben mit oder im Internet. Alle genannten Organisationen hätten das Potential, ein Interesse und die Möglichkeit dem beizusteuern. Auch und gerade die Regierung. Die könnte Device-Herstellern auch eine Selbstverpflichtung nahelegen, eine Verknüfung oder Offline-Variante zu diesem Lehrbuch auf ihren Geräten prominent zu platzieren. Im Interesse der Hersteller wäre das durchaus. Lehrer können es im Unterricht verwenden. Jeder kann es verwenden, überall.

Die Idee lässt sich schnell ausmalen:
Man setzt einen Server mit einer OpenSource-Software zum kollaborativen Buchschreiben auf. Man fängt an, man steckt eine Gliederung ab: Was ist ein Computer? Was ist ein Netzwerk? Was ist ein Browser? Wie surfe ich sicher? – das Rad muss nicht neu erfunden werden, aber eine Prise Didaktik und Textführung sollten die Lerntexte von Wikipedia-Texten abheben.
Und dann schreiben alle Interessierten, wozu die großen Organisationen sie aufrufen und das Netz es im Idealfall aufnimmt.

Ich wünsche mir, dass wir den “Hitchikers Guide to the Internet” schreiben.
In großen, freundlichen Buchstaben steht auf der Startseite:

 

Keine Panik

 

Digital Lesen 2010

Posted on 28th November 2010 in Kultur, Technologie

Warnung vorab: Das wird eine Bestandsaufnahme zwecks Orientierungshilfe, die sich kurz mit Lesegeräten und länger mit dem Ökosystem von eBooks befasst. Die Papier-vs-Reader-Diskussion wird von Kathrin Passig hier zu Grabe getragen und meine Haltung drückt dieses Zitat wunderbar aus:

Sowieso, Buchdiskussionen! Ich mach dann einfach ‘n müdes Gesicht, blätter weiter in meinem E-Book und warte die 8 Jahre bis ich recht habe.

Nachdem die Schmerzgrenze des Textausdruckens zwecks Studium nun endgültig erreicht (und außerdem das Papier alle) war, habe ich mich zum Erwerb eines Lesegerätes hinreißen lassen. Ich bereue nichts. Aber dazu komme ich am Ende; jetzt erstmal der Überblick.

Technik und Geräte

Die Lesegeräte (“eBook-Reader”) kommen oft mit kontrastreichem Monochrom-Display (aka E Ink) mit langsamer Reaktionszeit und gefühlt revolutionärer Akkulaufzeit. In Zeiten von “mein Smartphone muss alle 10h ans Ladegerät” hält mancher eBook-Reader einen Monat durch, weil das Display nur bei Veränderung der Darstellung Strom verbraucht – etwa beim umblättern. Zudem kann man mit diesen Geräten (meist noch) nur lesen. Eine Hintergrundbeleuchtung gibt es nicht, was das Lesen gegenüber jedem anderen elektronischen Display deutlich angenehmer macht. (Ja, wirklich.)

Damit wären wir bei der Alternative zu Lesegeräten: Tablet-Computer. Diese Geräte haben normale Displays und mehr oder minder alle Möglichkeiten eines Computers – also auch die, Text-, Buch- oder Bilddateien zum Lesen dar zu stellen (auf die Unterscheidung gehe ich später noch ein) und diese zu verändern. Der Akku hält bei diesen Geräten meist unter 10 Stunden.

Wie es bei elektronischen Geräten guter Ton ist, sind diese beiden Gerätegruppen mit fließenden Grenzen versehen und die vorangehende Darstellung dient dazu, die Pole sichtbar zu machen. Beispielsweise ist der populärste Vertreter der Lesegeräte, Amazons Kindle, ist mit experimentellem Webbrowser, WLAN und optional Mobilfunk ausgestattet
Auf der Seite der Lesegeräte gibt es inzwischen eine brauchbare Auswahl und interessante Spielarten. Bei Tablet-Computern gestaltet sich das ehr traurig: Ernst zu nehmen sind Apples iPad, Samsungs Galaxy Tab und … sonst ist nichts (ich habe da wohl eine Wette verloren). Es gibt für die nächsten vier Monate haufenweise Ankündigungen, die zu mindestens zum Teil auch schon hergestellt werden.

Bücher und Formate

Bei Lesegeräten sind die Geräte normalerweise an die Buchshops des Herstellers gebunden und als Konsequenz bevorzugen sie dessen Formate. Vorteil für Tablets: Auf dem iPad kann man sich etwa Amazons Kindle-Store und Apples iBook parallel installieren. Ansonsten liest man einfach mit Programmen, die nicht von einem Buchanbieter kommen.

Formate sind ein Problem. Es gibt einige und keins kann sich behaupten – unter anderem, weil Vertreiber immer noch auf DRM setzen. Kaum ein Gerät liest alle Formate, kein Gerät versteht alle DRM-Methoden. Niemand will aber Bücher, die er nicht weitergeben kann und über die er keine Kontrolle hat. Wozu führt das? Raubkopien.

Die sind meist im PDF-Format: Das ist ein Problem. Ein PDF-Dokument ist eigentlich ehr ein Bild mit Schreibschutz als ein Textdokument. Und Bilder kann man nur unschön flexibel darstellen -im Gegensatz zu flexibler Formatierung und Schriftgröße für bequemes Lesen.
Mit Sicherheit ist ein PDF kein Buch. Das ist leider nicht bekannt, auch nicht in der Wirtschaft: Das ansonsten vielversprechende paperc hinkt nicht nur an der Flash-Umsetzung (hier gelobt man unspezifisch Besserung), sondern auch an der Ausgabe von PDFs. Das ist bei vielen Anbietern auch so. PDF optional wäre schön – aber nur ergänzend zu echten Buchformaten.

Was also fehlt, ist ein Angebot in DRM-freien Buchformaten.

Verwaltung

Hat man sein Bücherregal auf dem Rechner, ist die zuverlässigste Verwaltung ein Ordnersystem nach Geschmack. Das Allein verbrennt aber Vorteile der digitalen Daten: Es braucht eine digitale Bücherverwaltung.

Neben der Möglichkeit, sich auf Shops zu verlassen und die Anbietersoftware zu nutzen (etwa bei Amazon recht bequem), bleibt die Selbstverwaltung. iTunes für Bücher heißt offenbar calibre und ist eine passable und mächtige Lösung – als Sahnehäubchen ist calibre Plattform übergreifend und Open Source. Tags, Buchreihen, Buchdaten, Titelbilder und so weiter und sofort… vorhanden und online abrufbar. Nett.

Textgattungen

Nachdem ich jetzt viel über Bücher geredet habe, fällt vielleicht auf, dass ich eigentlich wissenschaftliche Texte lesen wollte. Das ist kein so trivialer Unterschied: Artikel, Buchausschnitte etc. wollen sorgsam mit Metadaten verbunden sein, die Calibre nicht kennt. Ich habe noch keine elegante Lösung für meinen Nutzungsfall gefunden, auch, wenn ich natürlich trotzdem schon die Texte lesen kann (und hin und wieder über unsaubere Scans fluche).

Hier hat offenbar das iPad die Nase klar vorn: René schwärmt mir bei jeder Gelegenheit von Papers vor. Wenn man sich auf Mac festlegt und Open Source nicht vorzieht, mag das sein. Ansonsten bleibt abwarten.

Und es gibt natürlich auch noch farbabhängige Kulturgüter wie Comics und Magazine – die ließen sich beide gut verwalten, drängen die Entscheidung aber zu Farbdisplays. Also: Tablet, Zwitter (etwa nook color) oder abwarten (etwa auf farbige E Ink-Displays).

Mein Fall

Ich habe mir, nach dem das Archos 101 IT grässliche Lieferbedingungen hatte, einen Kindle 3 3g zugelegt. Das Fehlen von Funktionen eines Tablets macht der Kindle mit minimalem Gewicht, Display, Laufzeit und weltweitem Mobilfunk-Internet weg. Zum Mobilfunknetz und dem Kindle (2) gibt es Grundsätzliches bei René zu lesen, (kurz: man sollte in den USA wohnen). Schlechte Scans verderben einem aber manchmal die Laune eher, als das auf einem Tablet der Fall wäre. Das liegt an der inflexibleren Zoom-Funktion und dem verhältnismäßig kleinen Display. Ich kann das Gerät unter diesem Umständen gut weiter empfehlen. Für Viele tut die günstigere Variante ohne Mobilfunknetz es sicher auch.

Und was ist mit Tablets? Vermutlich kaufe ich ergänzend zum Kindle eines, dass meinen Netbook ersetzt. Von Apple wird eher nicht kommen. Aber dazu dann mehr…