Digital Lesen 2010

Warnung vorab: Das wird eine Bestandsaufnahme zwecks Orientierungshilfe, die sich kurz mit Lesegeräten und länger mit dem Ökosystem von eBooks befasst. Die Papier-vs-Reader-Diskussion wird von Kathrin Passig hier zu Grabe getragen und meine Haltung drückt dieses Zitat wunderbar aus:

Sowieso, Buchdiskussionen! Ich mach dann einfach ’n müdes Gesicht, blätter weiter in meinem E-Book und warte die 8 Jahre bis ich recht habe.

Nachdem die Schmerzgrenze des Textausdruckens zwecks Studium nun endgültig erreicht (und außerdem das Papier alle) war, habe ich mich zum Erwerb eines Lesegerätes hinreißen lassen. Ich bereue nichts. Aber dazu komme ich am Ende; jetzt erstmal der Überblick.

Technik und Geräte

Die Lesegeräte („eBook-Reader“) kommen oft mit kontrastreichem Monochrom-Display (aka E Ink) mit langsamer Reaktionszeit und gefühlt revolutionärer Akkulaufzeit. In Zeiten von „mein Smartphone muss alle 10h ans Ladegerät“ hält mancher eBook-Reader einen Monat durch, weil das Display nur bei Veränderung der Darstellung Strom verbraucht – etwa beim umblättern. Zudem kann man mit diesen Geräten (meist noch) nur lesen. Eine Hintergrundbeleuchtung gibt es nicht, was das Lesen gegenüber jedem anderen elektronischen Display deutlich angenehmer macht. (Ja, wirklich.)

Damit wären wir bei der Alternative zu Lesegeräten: Tablet-Computer. Diese Geräte haben normale Displays und mehr oder minder alle Möglichkeiten eines Computers – also auch die, Text-, Buch- oder Bilddateien zum Lesen dar zu stellen (auf die Unterscheidung gehe ich später noch ein) und diese zu verändern. Der Akku hält bei diesen Geräten meist unter 10 Stunden.

Wie es bei elektronischen Geräten guter Ton ist, sind diese beiden Gerätegruppen mit fließenden Grenzen versehen und die vorangehende Darstellung dient dazu, die Pole sichtbar zu machen. Beispielsweise ist der populärste Vertreter der Lesegeräte, Amazons Kindle, ist mit experimentellem Webbrowser, WLAN und optional Mobilfunk ausgestattet
Auf der Seite der Lesegeräte gibt es inzwischen eine brauchbare Auswahl und interessante Spielarten. Bei Tablet-Computern gestaltet sich das ehr traurig: Ernst zu nehmen sind Apples iPad, Samsungs Galaxy Tab und … sonst ist nichts (ich habe da wohl eine Wette verloren). Es gibt für die nächsten vier Monate haufenweise Ankündigungen, die zu mindestens zum Teil auch schon hergestellt werden.

Bücher und Formate

Bei Lesegeräten sind die Geräte normalerweise an die Buchshops des Herstellers gebunden und als Konsequenz bevorzugen sie dessen Formate. Vorteil für Tablets: Auf dem iPad kann man sich etwa Amazons Kindle-Store und Apples iBook parallel installieren. Ansonsten liest man einfach mit Programmen, die nicht von einem Buchanbieter kommen.

Formate sind ein Problem. Es gibt einige und keins kann sich behaupten – unter anderem, weil Vertreiber immer noch auf DRM setzen. Kaum ein Gerät liest alle Formate, kein Gerät versteht alle DRM-Methoden. Niemand will aber Bücher, die er nicht weitergeben kann und über die er keine Kontrolle hat. Wozu führt das? Raubkopien.

Die sind meist im PDF-Format: Das ist ein Problem. Ein PDF-Dokument ist eigentlich ehr ein Bild mit Schreibschutz als ein Textdokument. Und Bilder kann man nur unschön flexibel darstellen -im Gegensatz zu flexibler Formatierung und Schriftgröße für bequemes Lesen.
Mit Sicherheit ist ein PDF kein Buch. Das ist leider nicht bekannt, auch nicht in der Wirtschaft: Das ansonsten vielversprechende paperc hinkt nicht nur an der Flash-Umsetzung (hier gelobt man unspezifisch Besserung), sondern auch an der Ausgabe von PDFs. Das ist bei vielen Anbietern auch so. PDF optional wäre schön – aber nur ergänzend zu echten Buchformaten.

Was also fehlt, ist ein Angebot in DRM-freien Buchformaten.

Verwaltung

Hat man sein Bücherregal auf dem Rechner, ist die zuverlässigste Verwaltung ein Ordnersystem nach Geschmack. Das Allein verbrennt aber Vorteile der digitalen Daten: Es braucht eine digitale Bücherverwaltung.

Neben der Möglichkeit, sich auf Shops zu verlassen und die Anbietersoftware zu nutzen (etwa bei Amazon recht bequem), bleibt die Selbstverwaltung. iTunes für Bücher heißt offenbar calibre und ist eine passable und mächtige Lösung – als Sahnehäubchen ist calibre Plattform übergreifend und Open Source. Tags, Buchreihen, Buchdaten, Titelbilder und so weiter und sofort… vorhanden und online abrufbar. Nett.

Textgattungen

Nachdem ich jetzt viel über Bücher geredet habe, fällt vielleicht auf, dass ich eigentlich wissenschaftliche Texte lesen wollte. Das ist kein so trivialer Unterschied: Artikel, Buchausschnitte etc. wollen sorgsam mit Metadaten verbunden sein, die Calibre nicht kennt. Ich habe noch keine elegante Lösung für meinen Nutzungsfall gefunden, auch, wenn ich natürlich trotzdem schon die Texte lesen kann (und hin und wieder über unsaubere Scans fluche).

Hier hat offenbar das iPad die Nase klar vorn: René schwärmt mir bei jeder Gelegenheit von Papers vor. Wenn man sich auf Mac festlegt und Open Source nicht vorzieht, mag das sein. Ansonsten bleibt abwarten.

Und es gibt natürlich auch noch farbabhängige Kulturgüter wie Comics und Magazine – die ließen sich beide gut verwalten, drängen die Entscheidung aber zu Farbdisplays. Also: Tablet, Zwitter (etwa nook color) oder abwarten (etwa auf farbige E Ink-Displays).

Mein Fall

Ich habe mir, nach dem das Archos 101 IT grässliche Lieferbedingungen hatte, einen Kindle 3 3g zugelegt. Das Fehlen von Funktionen eines Tablets macht der Kindle mit minimalem Gewicht, Display, Laufzeit und weltweitem Mobilfunk-Internet weg. Zum Mobilfunknetz und dem Kindle (2) gibt es Grundsätzliches bei René zu lesen, (kurz: man sollte in den USA wohnen). Schlechte Scans verderben einem aber manchmal die Laune eher, als das auf einem Tablet der Fall wäre. Das liegt an der inflexibleren Zoom-Funktion und dem verhältnismäßig kleinen Display. Ich kann das Gerät unter diesem Umständen gut weiter empfehlen. Für Viele tut die günstigere Variante ohne Mobilfunknetz es sicher auch.

Und was ist mit Tablets? Vermutlich kaufe ich ergänzend zum Kindle eines, dass meinen Netbook ersetzt. Von Apple wird eher nicht kommen. Aber dazu dann mehr…

 

Innovation am Beispiel Apple

Der vorletzte Artikel drehte sich um eine Ausprägung des Netz-Lieblingsthemas Apple – interessanterweise kam dabei ein Argument in der Diskussion auf, das viele Streitpunkte auf das Thema Innovation zurück führte. Ich möchte deshalb die wirtschaftliche Seite und den visionären Aspekt von Innovationen am Beispiel Apple betrachten.

Wem das Wort „Innovation“ durch die inflationäre Nutzung so weich gekaut wurde wie mir, braucht erst eine Basis, um es wieder sinnvoll einsetzen zu können:
Eine Definition von Innovation geht auf Joseph Alois Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung zurück und sagt lose, dass sich ein Unternehmer dadurch ausmacht, dass er am Markt neue Kombinationen durchsetzt. Das Durchsetzen ist von Bedeutung; eine Innovation, die sich nicht durchsetzt, ist entsprechend wenig ertragreich.

Innovationen durchzusetzen, anstatt eine iterative Entwicklung der Waren zu setzen und „Dienst nach Vorschrift“ zu machen, ist aufgrund der Monopolrente interessant: Als alleiniger Anbieter einer Innovation kann man den Preis für diese zu einem gewissen Grad bestimmen, bis die Konkurrenz aufholt.

Die IT-Branche bietet eine gute Auswahl an Beispielen: Kaum ein Produkt, dass sich durchsetzt, war wirklich das erste seiner Art. Wo etwas erfunden wird, wird es noch lange nicht erfolgreich vermarktet. Die grafische Benutzeroberfläche ist ein populäres Beispiel: Erfunden bei Xerox, auf dem Markt eingeführt von Apple, größter Gewinner war Microsoft. Erfinden, Erkennen, Durchsetzen.

Was gerade mit dem iPad passiert, ist eine größere Innovation bei dem Versuch ihrer Durchsetzung: Die Fingerbedienung wird von ihrem gewohnten Telefon-Umfeld, wo die Grenze zwischen Tastatur und Bildschirm auch räumlich klein war, auf alltägliche Computerbedienung übertragen. Der Weg des iPads ist dabei keineswegs kurz: PDAs (z.B. Apples eigener Newton) sind die direkten Vorfahren und Tablet-Computer versuchen sich seit Jahren an einem Durchbruch. Der Slate-Formfaktor ohne Tastatur krankte bisher vor allem an Apples zentralen Vorteil beim iPad: Der Software, genauer: der fingerfreundlichen Benutzeroberfläche.

Für Bildschirme mit Papierblatt-Größe wurde bisher keine spezielle Software entwickelt; ein Windows mit ein paar Stifteingabe-Programmen musste reichen. Microsoft krebst an dieser Hürde: Windows 7 wird für Tablet-Computer beworben, kann aber kaum in nützlicher Weise mit Fingern bedient werden. Man muss anerkennen, dass die Stifteingabe gut gelöst ist – aber das System lässt sich mit einem Stift auch nicht befriedigend bedienen. Googles Android-System ist auf Telefonen bald auf dem Niveau der Apple-Software – auf Tablets dominieren Zweckumbauten der Hardware-Hersteller. Palm wurde gerade von HP gekauft – damit steht dem WebOS vielleicht (und hoffentlich!) eine Zukunft auf Tablet-PCs bevor, aber bis dahin braucht es noch Zeit.

Apple liegt also in Sachen Technologie weit vorne. Es hat auch die Ressourcen und die Tradition, eine Innovation am Markt durchzusetzen. Angefangen hat das mit dem persönlichen Computer, dann dem iPod, dem iPhone und nun vielleicht dem iPad. Bei Apple bleibt natürlich auch einiges auf der Strecke, etwa der Newton und der AppleTV – wobei letzterer vielleicht noch nicht ganz tot ist.

Es gibt nun zwei Faktoren, die meiner Ansicht nach die Durchsetzung dieser neuen Kombination gefährden: Erstens wäre da der traditionelle Apple-Aufschlag (aka Feenstaubsteuer) und zweitens die neuere Plage der Computerwelt: ein geschlossenes und kontrolliertes Ökosystem für Anwendungen (aka Appstore).
Die Entscheidungen sind diese:

  • günstiger Einführungspreis und entsprechend schnellerr und breitere Marktabdeckung oder größere Monopolrente und diverse psychologische Effekte
  • kontrollierbare und regulierbare Entwickler, Angebot und Qualität der Leistungen oder freiere Entwicklung, mehr Angebot und nicht kontrollierbare Qualität der Leistungen

Betrachtet man den Erfolg von iPod und iPhone, kann man beide Entscheidungen problemlos so rechtfertigen, wie Apple sie getroffen hat. Der hohe Einführungspreis ist bei der inzwischen großen Apple-Kundschaft schon akzeptiert und das geschlossene System hat sich beim iPhone bewährt. Mit der Kontrolle des Werbemarktes auf iPhone und iPad, die jetzt ansteht, wird es sich für Apple um so mehr lohnen. Das Cross-Selling zwischen Apples Produktkategorien (iPod, iBook, iPhone, iAlles…) hat bisher funktioniert.

Das iPad ist seit einem Monat auf dem amerikanischen Markt erhältlich und Apple rühmt sich in den USA heute mit einem Absatz von über 1 000 000 Geräten – für ein paar Wochen Verkauf von einem Gerät, das kein anderes wirklich ersetzt, eine sehr respektable Verkaufsmenge.

Eine Konkurrenz zeichnet kaum ab – WePad hier, JooJoo da. Aus dem Android-Lager kommen derzeit die meisten Konkurrenten – und hier in Form von wenig fähigen $200-Geräten. Die ernst zunehmende Konkurrenz, Tablets mit Tegra2-Chipsatz, lassen trotz lauter Ankündigung auf sich warten.

Der Erfolg des iPads wird sich also so schnell nichts in den Weg stellen. Kunden, die mit einem geschlossenen System nicht leben wollen, werden es sich – wie beim iPhone – bequem freischalten und indirekt von Apple dadurch der Nutzung von Raubkopien und der Blockierung der Apple-vertriebenen Werbung näher gebracht.

Apple kann man also zu zwei Gelegenheiten gratulieren:
Zeitnah: Weil das iPad ein wirtschaftlicher und den Markt beeinflussender Erfolg wird – den Markt beherrschend ist mir noch zu weit gegriffen.
Langfristig und wichtiger: Apple hat offenbar eine Strategie und eine Vision entwickelt, den Computer immer weiter der Umgebung der Menschen und ihnen selbst anzupassen – und die dabei entstehenden Innovationen am Markt durchzusetzen.

Auch, wenn sie nur ein großer iPod touch sind.

… 

 

Kommt ein Google in den Mobilfunkmarkt

Die Nachfolger der Smartphones hatte ich ja bereits angesprochen (Google möchte sie – ekliger Weise – inzwischen gerne „Superphone“ nennen) und mit dem Hinweis verknüpft, dass man beim Erstehen eines selbigen mit Teilen der eigenen Seele in Schuldigkeit gerate.

Normalerweise geschieht das zum einen an den Mobilfunkanbieter, der eben dieses im Angebot hat und zum anderen an den Zuhälter der installierten Software. Bei Apple ist das, ähnlich wie bei normalen Handys der letzten Jahre, gleichzeitg der Hardwareverlöter. Bei Android-Geräten ist es Google.

Durch Apples ehemals exklusives Angebot eines solchen Gerätes konnte Apple zudem durch Auswahl des Mobilfunkanbieters für den Nutzer treffen – obwohl Apple-Kunden ja gerne aktzeptieren, dass Apple weis, was denn gut für sie ist, stieß die Wahl der heißgeliebten deutschen Telekom auf besonders wenig Gegenliebe. Ähnlich, aber weniger extrem, werden attraktive Handymodelle immer von Mobilfunkanbietern normalerweise ersteigert, um Kunden zu hässlichen Verträgen zu locken. Mit Android-Geräten verlief das ganz ähnlich. Business as usual.

Bis jetzt. Das Nexus One, Googlephone oder wie man es auch nennt, war nicht die innovative Eröffnung von Google auf der diesjährigen CES. Es war die Ankündigung eines Onlineshops für Android-Geräte, in denen man zum Gerät einen Anbieter wählen kann, aber nicht muss.

…